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Eine wahre Berufung


Chris Norman (75) hat einen Reigen bekannter Songs für das Album Lifelines neu eingesungen. Von Steffen Rüth

Foto: Marcel Brell

„Es ist nicht so, dass Dieter Bohlen und ich uns gegenseitig Weihnachtskarten schicken.“

 

„Ich bin viel unterwegs, singe ständig irgendwo Konzerte, das hält die Stimme in Schwung.“


CHRIS NORMAN

Lifelines

(Stars By Edel)

Bereits erschienen

Addicted To Love von Robert Palmer oder der wunderbaren R.E.M.-Nummer Everybody Hurts.

 

Zur Jetztzeit hin wird es ein wenig dünn. Aus dem 21. Jahrhundert hast dir lediglich Run von Snow Patrol und Coldplays Fix You ausgesucht. Kein Lied aus den vergangenen 20 Jahren hat es in deine Auswahl geschafft.

Du hast recht, auch wenn mir selbst das gar nicht so bewusst geworden ist beim Aussuchen. Wie so viele Menschen ab einem gewissen Alter höre ich offenbar auch die Musik, die ich seit langen Jahren kenne und schätze. Das hat mir aber auch kein großes Kopfzerbrechen bereitet. Offenbar haben mich die neuen Songs nicht so gepackt, und dann ist es halt so. Ich habe allerdings auch nicht großartig gesucht.

 

Was eint denn die Songauswahl?

Dass ich diese Stücke sehr gern höre und auch sehr gern singen wollte. Die neueste Nummer ist natürlich Lifelines, ein ganz neuer Song, der auf meinen Lebenserfahrungen beruht.

 

Die beiden Lieder, mit denen du dich quasi selbst coverst, sind Mexican Girl von Smokie – und Midnight Lady. Wieso gerade das?

Wir sind bei allen anderen Songs einigermaßen nah an den Originalen geblieben. Ich hatte es nicht für notwendig erachtet, große Veränderungen vorzunehmen. Manche Arrangements kannst du auch gar nicht mehr verbessern, weil sie perfekt sind. Und natürlich singe ich alles mit meiner Stimme, das macht logischerweise einen Unterschied. Bei Midnight Lady hatte ich das instinktive Gefühl, dass da noch Verbesserungspotenzial liegt. Das Original klingt ziemlich kühl und synthetisch. Jetzt haben wir es mit Gitarren und einer insgesamt wärmeren Produktion neu eingespielt.

 

Midnight Lady war 1986 eine Produktion von Dieter Bohlen und in Deutschland ein Nummer-eins-Hit. Wie hast du die Arbeit mit Bohlen in Erinnerung?

Ich kannte ihn vorher gar nicht. Modern Talking war zu der Zeit eine Riesennummer, aber bei uns in England fand die Band nicht wirklich statt. Aber meine Plattenfirma meinte, Dieter sei ein riesiger Smokie-Fan, und so traf ich mich in Hamburg mit ihm. War alles okay, bisschen viel Blablabla vielleicht, aber einige Tage später bot er dieses Lied an, das für eine deutsche Detektivserie sein sollte.

 

Tatort.

Exakt. War mir auch kein Begriff, aber egal. Ich sagte zu, das Gerüst des Songs war auch bereits fertig, Dieter brauchte nur noch meinen Gesang. Ich bekam eine Kassette, lernte den Text, hörte mir das Demo noch mal auf dem Flug von London nach Hamburg an, am nächsten Mittag fuhr ich zu Dieter aufs Land. Ich glaube, ich war am Samstag bei ihm im Studio, am Mittwoch darauf war Midnight Lady komplett im Kasten, und kurz darauf stand es auf Platz eins.

 

Du hast dann mit Dieter Bohlen ein komplettes Album aufgenommen.

Ja, aber das war nicht so toll. Ziemlich mittelmäßig, würde ich sagen. Ich bin viele Kompromisse eingegangen. Er meinte, er wisse, wie man viele Platten verkauft. Ich wollte lieber richtige Musiker und einen seelenvolleren Sound haben. Am Ende war es okay, aber ich habe klargemacht, dass ich ein weiteres Album in dieser Form nicht aufnehmen würde. Er schien damit leben zu können.

 

Seid ihr in Kontakt geblieben?

Nein, überhaupt nicht. Das Ganze war nur eine kurze Episode. Es ist nicht so, dass wir uns gegenseitig Weihnachtskarten schicken.

 

Hätte es deine Plattenfirma nicht gern gesehen, wenn du ein paar weitere bekannte Smokie- oder Chris-Norman-Hits aufgenommen hättest?

Ja, sie wollten unbedingt ein neues Stumblin‘ In. Aber ich hatte keine Lust. Suzi Quatro und ich hatten die unserer Ansicht nach bestmögliche Version ja schon gemacht. Stumblin‘ In braucht keinen Neuaufguss von uns. Der Song wird ja eh ständig gecovert, zuletzt hatte dieser australische DJ Cyril vor zwei, drei Jahren eine Nummer eins mit so einer House-Version. Na ja, die Kids mögen das halt. Ach, und neulich tauchte Stumblin‘ In sogar in der Serie Dahmer auf, über diesen Serienkiller. Mann, das war schräg. Jemand berichtete mir davon, ich schaute mir dann die Folge an, in der dieser Jeffrey Dahmer im Auto unser Lied hört – ganz schön gruselig (lacht).

 

Auch Living Next Door To Alice finden Menschen aus unterschiedlichsten Generationen toll. Wie ist dein Verhältnis zu dem wohl bekanntesten Smokie-Song?

Ich mag Alice. Das war jedoch nicht immer so. Ich weiß noch, wie unser Plattenboss Mickie Most total auf Alice abging und unbedingt wollte, dass es eine Single wird. Das war 1977, und Smokie waren zu der Zeit eher so eine Soft-Pop-Rock-Band wie die Eagles. Ich war ziemlich reserviert. Ich hielt Alice für zu stark von Country Music beeinflusst und irgendwie unpassend für uns. Die anderen in der Band hatten auch Bedenken. Aber wir wurden überstimmt, und Alice wurde zu unserem größten Hit.

 

Warum gefällt dir das Lied heute?

Weil ich auf der Bühne davon zehre, mit welchem Enthusiasmus das Publikum dabei ist, wenn wir es spielen. Die Leute lieben diesen Song.

 

Das holländische Produzentenduo Gompie machte das Stück 1995 mit seinem Remix Alice, Who The Fuck Is Alice populärer denn je. Wie stehst du zu der Party- und Ballermann-Version?

Na ja. Wenn es den Leuten gefällt, dann ist das okay. Mein Ding war das nie. Ich war seinerzeit ziemlich sauer auf Alan (Silson) und Terry (Uttley), die ja noch als Smokie unterwegs waren, während ich längst ausgestiegen war, dass sie selbst auch meinten, noch so eine Who-The-Fuck-Version machen zu müssen. Weiß nicht, ich hielt das für respektlos. Mittlerweile muss ich sagen, dass es eher so eine Art Liebesbezeugung ist, wenn die Leute im Publikum „Who The Fuck Is Alice“ brüllen.

 

Terry starb vor vier Jahren, Alan verließ Smokie bereits 1996. Trotzdem tourt Smokie immer noch.

Eine komische Sache. Für mich hat das mit Smokie nichts zu tun, da niemand von uns aus der Originalbesetzung mehr dabei ist. Da tingeln jetzt diese Typen, nennen sich Smokie und spielen unsere Songs.

 

Dürfen die das denn?

Es ist kompliziert. Terry Uttley besaß zuletzt die Rechte an unserem Bandnamen. Nach seinem Tod erbten seine Töchter diese Rechte. Sie sind sich nicht einig. Zwei von ihnen lassen diese Smokie-Truppe weiter unseren Namen nutzen. Ich lehne das ab, habe das aber nicht zu entscheiden.

 

Du hast im vergangenen Oktober deinen 75. Geburtstag gefeiert, deine Stimme klingt aber immer noch wie die eines jungen Mannes. Was ist dein Geheimnis?

Ich denke, ich habe einfach Glück. Ich versuche mich, so gut es geht in Schuss zu halten, gehe jeden Tag mindestens 45 Minuten stramm spazieren und arbeite mit Gewichten. Tatsächlich glaube ich auch, dass Übung hilft. Ich bin viel unterwegs, singe ständig irgendwo Konzerte, das hält die Stimme in Schwung. Ich kann die alten Smokie-Songs noch immer in derselben Tonlage singen wie damals.

 

Ist eigentlich jemand von deinen Kindern beruflich in deinen Fußstapfen unterwegs?

Oh ja. Meine Frau Linda und ich, wir sind seit 55 Jahren verheiratet. Wir haben fünf Kinder, leider ist Brian, unser Ältester, vor 25 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Seine drei Brüder sind allesamt ausgezeichnete Schlagzeuger, machen das aber nur als Hobby. Meine Tochter Susan wiederum singt mit mir auf dem Album den Song All I Have To Do Is Dream im Duett, der stammt im Original ebenfalls von den Everly Brothers. Sie war mal in einem Gesangsduo unterwegs, macht das aber heute auch nur noch zum Spaß.

 

Du selbst bist dein gesamtes Leben lang Sänger und Musiker. Wird das nie langweilig?

Nein! Ich bitte dich. Die Musik ist meine Berufung. Vor allem liebte ich die Beatles. Mein allererstes Konzert war eine Schulaufführung im Jahr 1965. Ansonsten war ich ziemlich unbrauchbar, was meine schulischen Leistungen betraf. Ich fand das Singen total toll, machte das mehr und mehr, wir starteten mit Smokie, und so um 1968 herum beschloss ich, es beruflich zu versuchen. 1969 unterschrieben wir einen Plattenvertrag, doch natürlich rümpften die Leute in meiner Heimat die Nase. Bradford ist ein Industrieort im Norden Englands, von dort kommen keine Popstars, wurde uns gesagt. Nun, wir haben uns nicht beirren lassen, folgten unserem Traum und behielten recht.

 

Hast du dir ein Limit gesetzt, wie lange du den Beruf noch machen möchtest?

Nein, und ich werde mich hüten. Im Moment habe ich die Energie und auch die Leidenschaft, Alben zu machen und Konzerte zu spielen. Sollte das nicht mehr so sein, in fünf oder in zehn Jahren, dann hoffe ich, im Garten sitzen und den Ruhestand im Kreis meiner Liebsten genießen zu können.


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