Immer für die Zuversicht

„Niemand soll hinterher über uns sagen: Die letzten fünf Jahre hätten sie sich sparen können.“
„Es war eine Schlacht wie immer. Keine Rücksicht auf Sentimentalitäten.“
„Ich denke, man ist nicht gut beraten, negativ durchs Leben zu laufen.“
DIE TOTEN HOSEN
Trink aus, wir müssen gehen!
(JKP/WM)
Bereits erschienen
Von Steffen Rüth - Foto Donata Wenders
Man kann erfreulicherweise nicht behaupten, dass es sonderlich altersmilde klingt. Songs wie Wir waren nie weg oder Schlechte Nachbarn hauen noch mal ordentlich auf den Punk-Putz, und auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht macht die Band ein weiteres Mal den Mund auf. Wir sprachen mit Sänger Campino, der in wenigen Wochen 64 wird, über die Dinge, die noch zu sagen waren, seinen Sohn, die WM und ein Leben nach den Hosen.
Campino, bald beginnt in Prag eure Tournee. Wie ist deine Stimmung?
Ich bin etwas nervös. Man setzt in der Vorbereitung immer alles daran, dass die Dinge bis zum Start optimal laufen, man körperlich in Form ist, die Setlist sitzt und jeder weiß, was er tut. Und am Ende ist es immer ein einziges Chaos, bei dem man sich durchboxt und alles irgendwie auf den letzten Drücker klappt. Das war früher so, und das wird auch diesmal so sein. Daran hat sich nichts geändert in über 40 Jahren.
„Wir sind so gut in Schuss“, behauptest du im schön punkigen ersten Albumsong Wir waren nie weg. Wie steht es wirklich um eure Form?
(lacht) Uns geht es gut. Aber wir wollen uns auch nicht selbst bescheißen und ignorieren, dass wir alle um die 60 sind. Das hat mit einem Mittdreißiger nicht mehr so viel gemein. Aber wir können das streckenweise kompensieren – durch Erfahrung, durch unsere Einstellung und durch die Leidenschaft, mit der wir rangehen. Ich hoffe jedenfalls, dass wir noch nicht peinlich sind.
Ist das dieser klassische Widerspruch, dass man im Kopf noch Mitte 20 ist, während einem der Körper ganz was anderes erzählt?
Wir versuchen, unser Alter anzunehmen und uns vor gewissen Realitäten nicht wegzuducken. Du und ich könnten lauter Bands und Künstler nennen, die mit 80 noch gut dastehen: Paul McCartney, die Rolling Stones, Iggy Pop und viele mehr. Viele sind gerade im Spätwerk unheimlich kreativ und gelöst. Aber was die Toten Hosen angeht, ein Kollektiv, dessen Besetzung abgesehen vom Schlagzeuger noch dieselbe ist wie am Anfang, so haben wir die Idee, die Sache gemeinsam allmählich zu Ende zu bringen. Wir sind der Meinung. lieber ein bisschen zu früh zu gehen als ein bisschen zu spät! Wir wollen als Band in Erinnerung bleiben, die immer Druck gemacht hat. Niemand soll hinterher über uns sagen: Die letzten fünf Jahre hätten sie sich sparen können.
Trink aus, wir müssen gehen! klingt alles andere als müde. An Druck und Dampf mangelt es wirklich nicht.
Das freut mich sehr. Das war auch der Punkt vor zwei Jahren, als wir diese Reise begonnen haben: Wir wollten unbedingt mit Vollgas über die Ziellinie fahren. Und nicht als Band, die irgendwie abgekämpft wirkt und noch so gerade dahingurkt.
War das eine schleichende Entscheidung? Oder gab es irgendwann einen konkreten Moment, wo ihr euch zusammengesetzt und gesagt habt: Das war's jetzt?
Dieser Entschluss hat sich nicht angeschlichen. Er ist herangereift. Die Frage, wie lange das noch gehen soll, stellen uns die Medien ja schon seit 25 Jahren. Der Gedanke ploppte also immer wieder mal auf. Man sitzt im Bus, lässt die Zeit Revue passieren, spricht miteinander, wie es weitergehen soll. Lange Zeit schien das Ende noch sehr weit weg. Dann spürt man, dass man sich dieser Frage anders nähert. Und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem das Gefühl sehr stark geworden ist. Bei unserem vorherigen Album Laune der Natur wusste ich: Das ist noch nicht das letzte. Beim neuen Album dagegen hatte ich gleich dieses Bauchgefühl, dass es nach diesem letzten Rundumschlag reicht.
Und dann gab es das große Gespräch?
Ja, aber man muss sich das nicht so vorstellen, dass nach einem Nachmittag alles geklärt war. Das war ein Austausch über einen längeren Zeitraum, ein gemeinsames Nachdenken. Und dann kommt man zu einem Entschluss, der vielleicht nicht in seiner Klarheit einstimmig entschieden wurde. Aber zumindest so, dass niemand sein Veto eingelegt und gesagt hätte: Das halte ich für den größten Blödsinn überhaupt.
Geht man anders an ein Album ran, wenn man weiß oder zumindest ahnt, dass es das letzte ist?
Teils, teils. Was die Themen der Texte angeht: klares Ja. Was den Aufnahmeprozess angeht: klares Nein. Da war ich selbst überrascht. Ich hatte mir ausgemalt, dass man jede einzelne Aufnahme genießt, höflich zueinander ist und das Ganze noch einmal als etwas Wunderschönes zelebriert. Aber diese Hoffnungen waren direkt wie weggewischt. Es war eine Schlacht wie immer. Keine Rücksicht auf Sentimentalitäten. Wenn eine Idee gut ist, ist sie gut. Wenn jemand Quatsch spielt, fliegt das raus. Ich denke, diese alte Ruppigkeit hat uns gutgetan.
Was musste textlich noch gesagt werden?
Zum Beispiel Düsseldorf, eine wirklich aufrichtige Hymne an unsere Stadt.
Ich war fast ein bisschen überrascht, dass es in über 40 Jahren noch nie eine Hosen-Huldigung an eure Heimatstadt gab.
Diese Stadt ist kein unproblematisches Wesen. Auf dem Opel-Gang-Album gibt es das Lied Modestadt Düsseldorf – da geht es um das Image der Stadt, das bundesweit immer etwas als das Möchtegern-Paris der Neureichen belächelt wird. Düsseldorf hat sich früher als besonders avantgardistisch darzustellen versucht. Das hat nie richtig geklappt. Und dass ausgerechnet wir aus Düsseldorf kamen, das war schon eine gewisse Irritation, was das Image angeht. Es hat ein bisschen gedauert, bis sich Düsseldorf an uns und wir uns an Düsseldorf gebunden haben. Aber daraus ist sehr bald eine wirklich starke Beziehung geworden, die ich mir nicht schöner ausmalen könnte.
Ist auch Glück, das Lied über deinen Sohn, der jetzt Anfang 20 ist, so ein Jetzt-oder-nie-Song?
Ja. Das ist auch so ein Thema, bei dem ich lange gezögert hatte, weil ich nicht wollte, dass es klingt wie eine öffentliche Therapiesitzung. Der Sinn des Songs ist es vielmehr, Gefühle zu beschreiben, die möglichst viele andere teilen können. Mütter und Väter. Wenn so ein junger Mensch ins Leben kommt, stellt das alles auf den Kopf. Man hat einen Berg vor sich und denkt: „Wie soll das alles werden?“ Und dann verlassen die Kinder irgendwann das Haus, und man wundert sich, wie schnell das alles gegangen ist. Wir Eltern müssen lernen, aus der Position des Erziehenden und Richtungsweisers zu jemandem zu werden, der loslassen kann. Im besten Fall können wir noch Berater sein. Aber das ehemalige Kind führt jetzt sein eigenes Leben.
Hast du dich wacker geschlagen als Vater?
Das kann ich über mich selbst ja schlecht behaupten. Da müsste man meinen Sohn fragen. Und ich dürfte dabei nicht im Raum sein (lacht).
Wenn du heute im Alter deines Sohnes wärst, würdest du wieder Punk werden?
Das Lebensgefühl von früher kann man nicht 1:1 in die heutige Zeit übertragen. In den 70er und 80er Jahren spielte Punk eine andere Rolle in der Jugend. Man hat sich wegen Musik geprügelt. Punks gegen die Popper, gegen die Teds, gegen wen auch immer. Das wurde ernst genommen. Auch Musik hat diese Bedeutung heute nicht mehr, weil es einfach viel mehr Freizeitmöglichkeiten gibt. Ich denke, vieles von dem, was die Punks gelebt und gesagt haben, findet man heute in gewissen Teilen in der Hip-Hop-Kultur. Auch der gesellschaftliche Dialog schlägt in diesen Kreisen zurzeit höhere Wellen als in der Rockmusik. Aber das kann sich auch immer wieder drehen. Dass es auch immer wieder Rockbands gibt, die die Gemüter zum Kochen bringen, haben wir zuletzt erlebt durch die Stellungnahmen einzelner Acts zum Gaza-Krieg. Ich denke, es ist nach wie vor möglich für Musiker, den gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.
Zugleich hat man das Gefühl, dass ein falsches Wort oder eine kontroverse Aussage reicht, damit die Leute danach rufen, dich zu boykottieren oder mundtot zu machen. Wie gehst du mit diesem Zwiespalt um?
Die Härte der Auseinandersetzungen hat sich tatsächlich verstärkt. Die Heftigkeit eines Shitstorms, die Empörung, die Lautstärke, mit der Diskurse geführt werden – alles das ist richtig krass geworden. Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft überlegen, wie wir damit umgehen können. Dennoch kann oder darf uns das nicht stoppen uns zu äußern, wenn wir von einer Sache überzeugt sind. Auch wenn es ungemütlich werden kann, müssen wir uns weiter einbringen.
Was kann man tun?
Das Problem ist sehr komplex. Eines fällt mir dazu ein: Die Bemühungen einiger Regierungen und Länder, Jugendliche vor Social Media zu schützen, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Gemobbt wurde natürlich schon immer. Die klassischen Opfer, die in der Schule rausgepickt und teils brutal rangenommen wurden, konnten aber nach Hause gehen und hatten für ein paar Stunden ihre Ruhe. Heute schicken sich die Kids Hasskommentare bis tief in die Nacht und können sich kaum noch erholen von diesem Stress.
Hätte sich der 14-jährige Campino an so ein Verbot gehalten?
(lacht) Wahrscheinlich erst mal nicht. Aber es ist dann immer noch eine Hürde, die da eingebaut ist. Das Suchtpotenzial dieser neuen Medien und Techniken ist unglaublich stark und wird von manchen noch unterschätzt.
Vielleicht sollten sich die Kids doch mal wieder mehr mit Rockmusik beschäftigen.
Tja, ich weiß noch, dass meine Mutter nicht begeistert war, wie sehr ich mich da reingesteigert und den ganzen Nachmittag nur diese Schallplatten gehört habe. Da waren lauter Bands, die böse Dinge gesungen haben. Über Sex, Drugs and Rock'n'Roll – das ist ja auch wirklich so gewesen. Gott sei Dank hat damals niemand gesagt, diese Musik sei nur was für Erwachsene (lacht).
Es ist ja auch was aus dir geworden. Im Song Was ist mit uns los? rechnet ihr mit dem Egoismus und Zynismus in der Gesellschaft ab.
Das Stück ist ein Versuch, greifbar zu machen, was für eine seltsame Stimmung gerade herrscht. Ich singe die Zeile „Was ist mit uns los?“ nicht als Plattitüde – denn ich weiß es selbst nicht. Ich versuche zu begreifen, warum wir uns hauptsächlich aufs Negative konzentrieren. Gerade beim Thema Migration. Immer wird nur gesagt, wo die Probleme liegen. Niemals wird angesprochen, was das eigentlich auch für eine riesige Erfolgsstory ist und wie viel Gutes Zuwanderer jeden Tag in unsere Gesellschaft einbringen.
Ist Die Show muss weitergehen euer gesellschaftlicher Mutmachsong?
Das ist auf jeden Fall ein Aufruf, sich nicht die Lebensfreude nehmen zu lassen. Die Toten Hosen sind nie eine Band gewesen, die in Sack und Asche oder mürrisch durchs Leben ging. Im Zweifelsfall würde ich mich immer für die Zuversicht entscheiden.
Ihr habt euch seit Beginn politisch positioniert – gegen rechts, für Solidarität. Auch auf dem neuen Album gibt es Songs wie Kein Blatt zwischen uns, ein Loblied auf gesellschaftliches Engagement, oder Schlechte Nachbarn, der davon handelt, wie Rechtsextreme das eigene Wohnviertel kapern. Wie fühlt sich das heute an, wenn man sieht, welchen Zuspruch die AfD hat?
Es ist ein Zeichen, dass man sich nicht ausruhen darf auf dem Erreichten. Wir als Bürger sollten niemals das Gefühl haben: Ich habe jetzt genug getan. Es muss täglich gegengehalten werden. Der Kampf um die Dinge, die uns so viel bedeuten und die gerade meine Generation so lange für selbstverständlich genommen haben, muss täglich ausgefochten werden. Unsere Eltern haben meist noch den Krieg erlebt. Wir brauchten das nicht. Wir sind in einer Welt erzogen worden, in der westliche Werte, Freiheit und Demokratie ganz großgeschrieben wurden. Jetzt merken wir, wie fragil diese Angelegenheit ist. Wir müssen alles dafür tun, dass dieser Zustand der Freiheit – für den Millionen Menschen ihr Leben gelassen haben und der zwei Weltkriege kostete, um uns hierhin zu führen – nicht aus Schludrigkeit hergegeben wird. Oder weil wir es witzig finden, „die da oben“ bei einer Wahl abzustrafen. Oder weil wir reinfallen auf demagogische Tricks von Rechtsextremen, die meinen, sie erleben jetzt die Gunst der Stunde.
Glaubst du, dass Rockmusik hier etwas bewirken kann?
Das ist für mich nicht die Frage. Ich will einfach vor mir selbst ein gutes Gewissen haben, sagen können: Was ich beitragen konnte, das habe ich getan. Ob das was bringt – diese Frage steht auf einem anderen Blatt. Aber ich sage: Wir haben hier in Nordrhein-Westfalen den prozentual höchsten Anteil an Menschen, die aus anderen Ländern kommen – und haben trotzdem die geringsten AfD-Zahlen. Das ist doch ein Beweis dafür, dass die Menschen, die täglich zusammenarbeiten und zurechtkommen müssen, eigentlich ganz gut miteinander auskommen. Das ermutigt mich.
Was früher einmal war ist eine Art Reminiszenz an euer Lied Wort zum Sonntag von 1986. Wie viel Nostalgie habt ihr euch auf diesem letzten Album erlaubt?
Nostalgie ist in meinem Verständnis eine Verklärung der Vergangenheit. Das lasse ich bei mir nicht zu, und das ist auch nicht mein Gefühl, wenn ich über die Vergangenheit nachdenke. Klar, beim letzten Album geht es ums Bilanzieren, um Rückblicke, darum, nachzudenken, wo und wie man sich geändert hat und was davon Bestand hatte. Aber das ist kein Verklären.
Wenn du dich selbst anschaust – bist du zufrieden mit der Entwicklung, die du seit Beginn der Hosen gemacht hast?
Tatsächlich leben wir heute auf einem anderen Planeten als 1982. Politisch und gesellschaftlich betrachtet haben sich in der Zeit meines Erwachsenwerdens Risse aufgetan, die wir uns nie hätten vorstellen können. Das hat natürlich Prioritäten verschoben. Ich habe über viele Dinge meine Meinung geändert. Aber ich lasse das zu. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt und ich immer bereit bin, Andersdenkenden zuzuhören. Auch wenn es wehtun sollte. Wir müssen flexibel bleiben und offen.
Gilt das auch für Glaubensfragen?
(schmunzelt) Ich glaube an Fortuna Düsseldorf. Gott spielt leider auch nur in der dritten Liga. Und an den Liverpool FC. Was den Rest angeht – mal so, mal so. Mein Verhältnis zum Glauben ist nicht in einen Satz zu fassen.
Vielleicht in zwei?
Ob wir gut gelaunt und zuversichtlich in den Tag gehen oder ob wir beim Aufstehen sagen, ist eh alles scheiße – das ist unsere Entscheidung. Ich bin immer für Modell A. Das hat in dem Sinne auch schon etwas mit Glauben zu tun. Ich denke, man ist nicht gut beraten, negativ durchs Leben zu laufen. Wut, Zorn – das muss alles raus. Aber man darf es nicht in sich behalten, weil es sonst vergiftet.
Zusätzlich zu Trink aus, wir müssen gehen! veröffentlicht ihr das Bonusalbum Alles muss raus! mit 25 Coversong-Duetten, unter anderem mit Wolf Biermann, Alphaville, Feine Sahne Fischfilet – und Vicky Leandros. Wie kam es denn zu dieser Kombination?
Ich liebe das Leben ist für mich – im positiven Sinne – eine Hymne jenseits von Gut und Böse. Jedes Kind kann da mitsingen, jede gesellschaftliche Gruppierung, der Song wird auf dem Pride Day gespielt, einfach überall. Er drückt für mich eine gewisse Sehnsucht und Melancholie aus über die Freude, überhaupt am Leben zu sein. Unsere Version ist eine aufrichtige Verbeugung vor diesem tollen Lied und vor Vicky, für die wir den größten Respekt haben.
Das vorerst letzte Konzert ist für den 10. Juli 2027 im Düsseldorfer Rheinstadion geplant. Aber ist danach wirklich Feierabend?
So ist das nicht gedacht. Wir wissen, dass wir uns im Herbst aus Südamerika verabschieden – das ist definitiv die letzte Reise dorthin. Was danach zu Hause passiert, muss man noch sehen. Aber das Konzert in der Merkur Spiel-Arena ist nicht als das letzte Konzert der Toten Hosen insgesamt angekündigt. Wie es danach weitergeht, das wollen wir uns überlegen, wenn es so weit ist.
Kannst du dir ein Leben nach den Toten Hosen überhaupt vorstellen?
Wir hatten in unserer Karriere oft genug Schaffenspausen, hier und da mal ein Jahr, wo nichts los war. Das ist also für mich nichts Unvorstellbares. Außerdem sind die anderen ja nicht weg. Als Freunde bleiben wir uns erhalten. Und ganz am Schluss sind wir alle verabredet in unserem Gemeinschaftsgrab auf dem Düsseldorfer Südfriedhof.