Alles auf eine Karte
Foto: Levien Wöhrmann
„Diese vermeintliche Hitformel, die immer alle wissen wollen, gibt es nicht.“
„Ich finde es fantastisch, dass bei mir jetzt auch international was passiert.“
KAMRAD
Trying Not To Panic (EP)
(umn Entertainment)
Bereits erschienen
Kamrad, Vorname Tim, lebt im südlichen Ruhrgebietsstädtchen Velbert, ist seit der Schule mit seiner Freundin zusammen und verbringt die Freizeit gerne mit Grillen und Kicken. Aber dieser 28-Jährige hat noch eine ganz andere Seite: Mit seinen eingängigen Pop-Hits wie I Believe, Feel Alive und vor allem dem letztjährigen Be Mine ist das 2024er-Jurymitglied von The Voice Of Germany einer der aktuell gefragtesten Popsänger und Songschreiber. Wir unterhielten uns mit Kamrad, der nun zu seiner bis dato größten Tournee aufbricht, über die Karriere, aber auch über ein Thema, das insbesondere seine Freundin interessieren dürfte.
Tim, lässt sich ein Hit planen?
Schön wär’s. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Wenn ich einen Song geschrieben habe, überrascht es mich meistens selbst, ob und wie sehr er zündet. Diese vermeintliche Hitformel, die immer alle wissen wollen, gibt es nicht.
Und doch kann man praktisch keine längere Autofahrt unternehmen, ohne mindestens einen Kamrad-Song im Radio zu hören?
Ich schreibe viel und versuche, fleißig zu sein. Auch von mir geht längst nicht jeder Song in die Top 10, aber du hast schon recht, speziell die letzten waren alle ziemlich hoch oben, zum Teil auch im Ausland. Wenn du plötzlich in Italien unter den ersten fünf bist, dann denkst du dir schon, wie das denn jetzt passieren konnte.
Ja, und was ist jetzt dein Geheimnis?
Wirklich erklären kann ich es nicht, aber ich glaube, es lässt sich darauf zurückführen, dass ich einfach sehr, sehr gerne Popmusik mag. Die musikalische Sprache, die ich spreche, ist auch die Sprache von vielen anderen. Ich stehe halt auf Musik, die gut im Radio laufen kann und ein breites Publikum anspricht.
Mit was für Musik bist du denn groß geworden?
Meine erste Begegnung mit Musik war die mit den Beatles, ich war vier. Mein Vater ist der größte Beatles-Fan überhaupt. Später bin ich quasi durch die Rockmusik-Geschichte gelaufen, Jimi Hendrix fand ich großartig, dann kamen Metallica und Green Day, die ja an sich auch nur Popmusik mit verzerrten Gitarren spielten, auch Ed Sheeran ist ein großes Vorbild.
Hast du dich mal an so richtigen Rocksongs versucht?
Habe ich, aber das habe ich mir selbst nicht hundertprozentig abgekauft. Ich bin halt nicht James Hetfield (lacht). Aber ich baue auch durchaus mal ein kleines Gitarrensolo ein. Bei einem zweistündigen Konzert sollen die Leute nicht bloß exakt das hören, was sie aus dem Radio schon kennen, sondern noch ein bisschen mehr aus der Kamrad-Welt entdecken.
Ist die Tour jetzt ist deine bislang größte?
Absolut, und ich spiele auch verstärkt im Ausland. Das ist für mich ein großer Schritt nach vorne. Seit Corona hat sich das Live-Geschäft, gerade im Pop-Bereich, in zwei Welten geteilt. Du hast auf der einen Seite Leute wie Taylor Swift oder Harry Styles, die Millionen von Tickets verkaufen könnten. Und du hast auf der anderen Seite viele Künstlerinnen und Künstler in Problemen. Ich bin überglücklich, dass es bei mir gerade auch live sehr gut läuft.
Wie viele Taylor-Swift-Songs kannst du mitsingen?
Schon ein paar (lacht). Sie macht das schon extrem gut und hat sich in den zwei Jahrzehnten im Geschäft wahnsinnig weiterentwickelt. Ich finde auch cool, dass sie auf ihrem aktuellen Album wieder mit Max Martin zusammengearbeitet hat.
Max Martin ist der erfolgreichste Pop-Komponist und -Produzent dieses Jahrhunderts. Würdest du auch gern mit ihm arbeiten?
Sollte er mir das anbieten, und ich hätte an diesem Tag meine Hochzeit geplant, dann würde ich direkt nach Stockholm oder nach Los Angeles reisen und meine Hochzeit verschieben. Das wäre schon so ein absoluter Lebenstraum von mir. Neben Max Martin bewundere ich auch Ed Sheeran und Ryan Tedder. Mit allen dreien würde ich supergerne Zeit verbringen und gucken, wie sie arbeiten. Ich glaube, auch bei diesen Kollegen ist nicht jeder Song ein Volltreffer, aber die guten, die sind dann gleich richtig, richtig geil.
Stimmt es, dass ihr euch schon sehr lange kennt, deine Partnerin Theresa und du?
Ja, wir sind seit der Grundschule befreundet. Ein Paar wurden wir im letzten Schuljahr vor dem Abi, und jetzt sind wir seit fast zwölf Jahren zusammen. Da hat man schon viel zusammen mitgemacht und sich auch sehr stark weiterentwickelt. Erst waren wir einfach nur Schüler, dann wirst du rausgespült ins echte Leben, ich fing an, Wirtschaftsingenieur zu studieren und brach das ab, habe über Jahre wenig erfolgreich Musik gemacht, dann wurde es irgendwann besser, die ersten Hits kamen, und genauso hat auch sie ihre Schritte im Leben gemacht. Meinen ersten Song habe ich 2016 hochgeladen, mein erster Hit kam 2022.
Man braucht Geduld.
Total. Und du musst lernen, Enttäuschungen wegzustecken und weiterzumachen. Außer meinem engsten Umfeld hat jeder gesagt: Lass es sein.
Sechs Jahre als brotloser Künstler zu arbeiten, muss man sich leisten können.
Das Geld war immer knapp. Aber ich wollte nicht irgendwelche Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen, ich wollte meine ganze Energie in meine Musik stecken. Nebenbei hätte das erst recht nicht funktioniert. Meine Eltern nahmen einen Kredit für mich auf, und ein paar Monate musste dann auch mal meine Freundin die komplette Miete übernehmen. Das Schöne ist, das alles miteinander geteilt zu haben. Meine Freundin und ich, wir sind menschlich so eng zusammengewachsen, so eine Ebene werde ich wahrscheinlich nie wieder mit einem anderen Menschen haben. Und selbst wenn es nächstes Jahr mit der Musik nicht mehr laufen sollte, wäre das für uns als Paar egal.
Wo lebt ihr?
In Velbert, der Stadt, in der wir beide aufgewachsen sind. In unserer zweiten gemeinsamen Wohnung, nicht weit weg von unseren Eltern und Freunden. Dieses Zurückkommen und Zur-Ruhe-Kommen in der Heimat, wo alles so ist, wie immer, das ist mir sehr wichtig. Wenn ich nach Hause komme, bin ich der Tim.
Sind der öffentliche Kamrad und der private Tim denn sehr unterschiedlich?
Nein, ich bin auf der Bühne eigentlich genauso wie daheim. Nur, wenn ich als Kamrad unterwegs bin, ist das Thema die ganze Zeit die Musik. Als Tim freue ich mich, wenn ich zum Beispiel mit meinem Vater über die Champions League sprechen kann.
Lebt es sich denn gut in Velbert?
Die schönste Stadt Deutschlands ist Velbert sicher nicht. Aber das ist halt mein Zuhause, und der Stadtteil, in dem ich lebe, ist wirklich recht hübsch. Und wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin und wir grillen, dann ist alles so wie immer. Ich liebe es aber auch, rauszugehen in die Großstädte und unter Leuten zu sein.
Deine Eltern stammen aus Polen. Auch dort bist du inzwischen richtig erfolgreich. Kannst du fließend Polnisch?
Als Kind habe ich mich dagegen gewehrt, Polnisch zu lernen, obwohl meine Eltern das wollten. Aber ich halt nicht. Heute ärgere ich mich darüber, und ich bin dabei, in dieser Sprache, die sehr kompliziert ist, langsam besser zu werden. Mittlerweile kann ich das meiste verstehen und mich auch einigermaßen auf Polnisch unterhalten.
Auch in Ländern wie Italien, Frankreich, Ungarn und Tschechien läuft es blendend für dich.
Das ist schon krass. Der Weg aus Deutschland raus in die Welt ist mit Popmusik meistens ein schwerer. Manchmal schafft es jemand, so wie vor einigen Jahren Milky Chance. Ich finde es fantastisch, dass bei mir jetzt auch international was passiert.