Talent aus dem Bauch heraus
Foto: Thomas von Aagh
„Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die nach Plan und am Reißbrett arbeiten, sondern aus dem Bauch heraus.“
„Mich drängt es nicht vor jede Kamera. Ich möchte mit Inhalten überzeugen.“
PETER SCHILLING
Antistar (Single)
(Warner)
Bereits erschienen
Mit dem Pop-Klassiker Major Tom (völlig losgelöst) gelang Peter, bürgerlich Pierre, Schilling 1983 nicht nur ein Nummer-eins-Hit im deutschsprachigen Raum, sondern ein echter Welterfolg. Seitdem holt den gerade 70 gewordenen Stuttgarter, der in zweiter Ehe verheiratet ist, eine erwachsene Tochter hat und in München lebt, der Hit immer wieder ein. Seit einiger Zeit ist Major Tom sogar die offizielle Tor-Hymne aller DFB-Nationalmannschaften. Nun aber hat Schilling neue Musik aufgenommen. Wir videokonferierten mit Peter Schilling.
Herr Schilling, nachträglich herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag. Sie wirken so gar nicht wie ein Siebzigjähriger.
Das kommt mir auch so vor. Ich bin der Natur dankbar für das, was sie mit mir gemacht hat. Ich bin tatsächlich topfit und fühle mich sehr gut. Ich gehe sehr achtsam mit mir selbst um. Ich ernähre mich gut, ich achte auf ausreichend Schlaf, ich tue im Grunde all die Dinge, die man tun sollte, um seine Gesundheit zu unterstützen. Das alles führt wohl dazu, dass ich so gut beieinander bin. Und natürlich habe ich mir als Musiker den schönsten Beruf der Welt ausgesucht.
Was bedeutet Ihnen das Songschreiben?
Das ist ein innerer Drang. Ich kann gar nicht anders. Ich möchte Songs schreiben, und ich muss Songs schreiben. Wie das im Detail passiert, kann ich gar nicht sagen, denn wenn ich texte oder komponiere, bin ich in einer Art meditativem Zustand. Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die nach Plan und am Reißbrett arbeiten, sondern aus dem Bauch heraus. Später kommt dann oft der Moment, wo ich denke: Das ist dir wieder gut gelungen. Nennen wir es einfach Talent (lacht).
Dass Antistar ein bisschen nach David Bowies Let’s Dance klingt, ist vermutlich so gewollt, oder?
Bei allem, was ich mache, denke ich mir etwas. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Ich würde es allerdings noch weiter fassen und sagen, dass in dem Lied insgesamt sehr viele 80er-Zitate vorkommen. Auch auf meinem kommenden Album wird das so sein. Da komme ich her. Ich liebe diese Sounds. Die 80er waren – nach meiner Wahrnehmung – nie out. Endlos viele Produzenten und Kreative bedienen sich sehr erfolgreich bei den Einflüssen aus jener Zeit, und ich denke, dann darf ich das erst recht. Ich komme aus den 80ern, ich habe diesen Sound ja mit erfunden. Auch meine Stimme klingt sehr stark nach den Achtzigern.
Gerade erlebt dieses Pop-Zeitalter dank Serien wie Stranger Things wieder einen Boom, wirklich weg gewesen waren die alten Hits jedoch nie. Woran kann das liegen?
Wenn du damals auf musikalisch kreativer Seite dabei warst, wundert dich das überhaupt nicht. Ich erinnere mich, wie ich vor einem Keyboard saß, zum Beispiel dem Roland Juno-60, das 1982 auf den Markt kam, hier einen Knopf und da einen Knopf drückte, und überall kamen Sounds raus, die du noch nie gehört hast. Das gab es ja vorher alles nicht, und das ist natürlich hoch inspirierend. Und so haben all die talentierten, guten Leute mit dieser neuen Technologie richtig tolle Songs gemacht. Auch Terra Titanic ist ein fantastisches Stück, kreiert habe ich es am Yamaha DX7, das auch zu der Zeit rauskam.
Mit Terra Titanic oder auch Die Wüste lebt haben Sie 1983, 1984 bereits Themen wie den Klimawandel aufgegriffen. Waren Sie Ihrer Zeit voraus?
Gut möglich. Sogar schon 1982 habe ich den Song Fast alles konstruiert veröffentlicht, einen frühen Beitrag zum Thema KI. Ich beschreibe in dem Lied, das die Musik irgendwann nicht mehr von Menschen gemacht wird, sondern von Computern. So weit sind wir jetzt seit ein paar Jahren. Die Entwicklung wird immer schlimmer, und das Rad ist auch nicht mehr zurückzudrehen. Das ist eine große Herausforderung an uns Kreative. Wobei meine Überzeugung ist, dass der menschliche Faktor hier immer siegen wird. Die KI kann nur auf etwas zugreifen kann, das es schon gibt. Ich hingegen versuche immer etwas zu erschaffen, was es in genau dieser Form eben noch nicht gibt. Auch wenn meine neuen Lieder Mixturen aus 80ern und Aktuellem sind, bleiben sie in sich Originale.
Worum geht es inhaltlich in Antistar?
Einerseits kann man es natürlich wissenschaftlich deuten. Demnach besteht das Weltall zu 80 % aus dunkler und heller Materie, und auch jeder Mensch trägt beides in sich. Niemand ist nur gut oder nur böse. Diese dunkle Materie eingehender zu erforschen, ist übrigens sehr schwierig, denn man sieht sie ja nicht. Andererseits beziehe ich mich in dem Song vorwiegend auf die eigenen Schattenanteile, psychologisch gesehen, die jeder von uns in sich trägt. Schließlich kann der Titel aber auch augenzwinkernd auf mich selbst und meine Persönlichkeit bezogen werden, da ich in der Öffentlichkeit sehr defensiv und zurückhaltend bin. Mich drängt es nicht vor jede Kamera. Ich möchte mit Inhalten überzeugen.
So wie mit Ihrer regelmäßigen und immersiven Live-Show im Berliner Zeiss-Großplanetarium?
Erstens: Ich liebe Planetarien. Zweitens: Das ist ein schalltoter Raum, das heißt, du hörst alles. Du darfst dir da keinen Fehler erlauben, musst ganz exakt singen. Das ist einerseits eine Herausforderung, andererseits macht es mir unglaublich viel Spaß, die Leute mitzunehmen und ihnen etwas zu geben, was sie so noch nicht erlebt haben.
Wie hat der Antistar Peter Schilling es denn weggesteckt, mit Major Tom zu einem der größten Popstars des Landes aufzusteigen und sogar im Ausland Erfolg zu haben?
Das war wie ein Orkan. Erst Jahre später habe ich begriffen, was da eigentlich passiert ist. Plötzlich ist wirklich alles anders. Du kannst nicht mehr auf die Straße. Das war ein Kulturschock. Es gibt ja auch keine Schule, in der du lernen kannst, dich ans Berühmtsein zu gewöhnen. Geliebt habe ich es nicht. Abtauchen war auch nicht möglich, weil ich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit erfolgreich und überall erkannt wurde.
Was haben Sie dann gemacht?
Weiterkomponiert. Das war ein ungeheurer Druck, der auf mir lastete. Das Reisen, das ungesunde Leben, die Arbeit, der Druck, neue Hits schreiben zu müssen, das hat mich an den Rand gebracht. Aber erst Jahre später. Ich bin erst mal nach New York gezogen, wo ich eine sehr schöne Zeit hatte. Die Stadt liebe ich immer noch sehr. Zugleich hat mich das Leben zwischen Deutschland und Amerika ausgezehrt, und es kam zum Burnout, zum Zusammenbruch, zum Nullpunkt. Ich wog nur noch 52 Kilo und bat meinen Plattenboss in New York, mich aus meinem Vertrag zu entlassen. Die internationale Karriere abzubrechen, während ich mit The Different Story gerade wieder einen Hit hatte, war schwer, aber ich weiß nicht, ob ich das Weitermachen überlebt hätte.
Sie haben nach einer Erholungsphase wieder Musik gemacht, Ratgeber für Männer geschrieben, und es gibt seit 2018 mit Der kleine Major Tom eine ganze Kinderbuchreihe nach Ihren Ideen. Seit einigen Jahren nun nutzen alle deutschen Fußballnationalmannschaften, also auch die Jugend- und Frauenteams, Major Tom als Tor-Hymne.
Auch das ist eines dieser wunderbaren Geschenke, mit denen man nicht rechnen kann. Die Fans haben den Song für sich entdeckt, und bis dann irgendwer in einem Stadion auf „Play“ drückte, musste in der rechtlichen Nahrungskette viel geklärt werden, aber jetzt bin ich einfach sehr stolz und sehr dankbar.