Zum Hauptinhalt springen

Drama, Baby!


Fatoni kanalisiert die Schmerzen des Lebens auf seinem neuen Album Drama endet nie.

„Liebeskummer ist gesellschaftlich unterschätzt“


FATONI

Drama endet nie

(Sony)

Bereits erschienen

Von Steffen Rüth - Foto Michael Weniger

Man bezeichnet ihn auch als den Herbert Grönemeyer des Deutschrap. Fatoni aus München, bürgerlich Anton Schneider und studierter Schauspieler, lebt seit 20 Jahren von seinen klugen, häufig selbstkritischen, Songs, er versteht es zudem, gesellschaftlich kontroverse Themen in radiofreundliche Songs zu verwandeln. Wir sprachen mit dem 41-Jährigen, dessen neues Album Drama endet nie gerade direkt in die deutschen Album-Top-Ten einstieg, über Liebeskummer, Künstliche Intelligenz und seinen Erfolg mit der Netflix-Serie Kacken an der Havel.

Fatoni, gehört das Drama für dich zum Leben dazu?
Ja, definitiv. Ich glaube, das Drama gehört generell zum Leben dazu, bei jedem nur unterschiedlich stark. Ich selbst arbeite daran, dass es vielleicht irgendwann in geruhsameren Bahnen verläuft. Aber der Schmerz und der Kummer gehören einfach zum Leben, da kommt man nicht drumrum.

Der Titel lässt sich super im Alltag anwenden, wenn mal wieder was schiefgeht, so als Variation von „Irgendwas ist immer“.
Das war auch mal ein Arbeitstitel, er war mir am Ende aber zu trivial. Man kann den Titel auch so lesen: Es muss nicht immer das große, selbstgemachte Drama sein. Es gibt ja auch die vielen kleinen und mittleren Dramen. Zum Beispiel steckt ja gerade die Musikwelt wieder in einer Krise, zumindest empfinde ich das so. Da draußen tobt ein allgegenwärtiger Kampf um Aufmerksamkeit, das ist auf Dauer ermüdend. Ich freue mich auf die echten Begegnungen, auf die Konzerte, aber auch dieser Aspekt meiner Arbeit ist nicht frei von Sorgen. Ich merke überall, dass die Leute weniger kauffreudig sind. Das ist wahrscheinlich nicht musikspezifisch, betrifft aber die ganze Kulturwelt, Konzerte, Festivals. Bei mir selbst war Corona eine Zäsur: Vorher war ich viel öfter auf Konzerten, während der Pandemie habe ich gemerkt, ich muss ja gar nicht dreimal die Woche raus. Aber ob das an Corona liegt oder einfach daran, dass ich fünf Jahre älter geworden bin, das weiß ich auch nicht.

Wie ist denn der Song Drama endet nie entstanden?
Den habe ich in einem tollen Studio in Frankreich geschrieben, in einer Phase, in der es mir nicht so gut ging. Auf dem Hinflug hatte ich mir einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und lag von fünf Tagen vier nur krank im Bett. Am letzten Tag habe ich es dann geschafft, das halbe Lied zu schreiben, Ich bin quasi schon in einer Krisenzeit dahingeflogen, wurde dann noch krank, und am Ende kam der Song dabei raus.

Du zitierst zu Beginn abgewandelt deinen Kollegen Jay-Z und sagst: „Die Welt hat 99 Probleme, und jedes hat mit einem Mann zu tun.“ Was hat es mit dieser Zeile auf sich?
Diese Zeile habe ich sehr oft geändert. In der allerersten Version war sie so formuliert, dass sie sexistisch auslegbar war – ich hatte es nicht so gemeint, aber in meinem Umfeld wurde stark diskutiert, ob das gehe. Kurz vor Albumabgabe habe ich sie dann angepasst, weil sie mir durch die ganzen Debatten unangenehm geworden war. Und ausgerechnet in derselben Woche wurde der Fall Collien Fernandes öffentlich. Da wollte ich erst recht keine Aussage auf meiner Platte haben, die man mir als frauenfeindlich auslegen könnte. Also habe ich mit der alten, längst legendären, Jay-Z-Zeile („I got 99 problems, but a bitch ain’t one“ – Anm. d. Red.) gespielt, sie komplett umgedreht, politischer und allgemeiner gemacht. Damit bin ich jetzt sehr zufrieden.

Sind die Männer denn wirklich „das Problem“?
Das ist natürlich eine polemische, bewusst zugespitzte Zeile. Aber im Kern würde ich sie fast unterschreiben. Wenn man sich die selbstverschuldeten Probleme unserer Welt anguckt, muss man sich schon fragen, wer sie größtenteils verursacht. Klar, es gibt in vielen Vorständen oder an der Spitze von Regierungen inzwischen auch Frauen, aber das ändert nichts an der Struktur der Politik dahinter. Und die meisten rechtspopulistischen bis rechtsextremen Diktatoren der Geschichte und der Gegenwart waren nun mal keine Frauen.

Inwieweit zensierst du dich beim Schreiben selbst, aus Angst vor Ärger?
Ich versuche, davon frei zu sein, aber ganz frei kann man wohl nie sein. Ich habe keine große Lust auf Streit im Internet, und ich gelte ja da draußen so als „linker korrekter Rapper“, wenn man so will. Da würde mich eine unpassende Wortwahl härter treffen, als wenn ein Gangster-Rapper übelst sexistische oder homophobe Sachen rappt. Bei dem verpufft die Kritik, weil so etwas von ihm fast erwartet wird. Ich will jetzt gar nicht über Cancel Culture sprechen, aber es ist wirklich so, dass es Leute im Netz gibt, die sich fast eine Existenz daraus aufgebaut haben, Fehltritte anderer aufzuspüren. Man hat also, wenn man ein gewisses Publikum und eine gewisse Reichweite hat, diese Stimme im Kopf, die einen zur Vorsicht mahnt, was man sagt. Davon kann auch ich mich nicht freimachen.

Trotzdem endet der Song, übrigens ein Duett mit Lakmann One, positiv mit den Worten: „Doch alles gut, ich habe immer noch Energie“.
Das war wie ein Mantra für mich selbst. Dieses Gefühl einer trotzigen Zuversicht zieht sich durch das ganze Album.

Der erste Song heißt Alles neu. Eine klare Anspielung auf Peter Fox, oder?
Nicht bewusst, aber natürlich wird man bei dem Titel sofort mit ihm verglichen. Ich habe überlegt, eine andere Zeile als Titel zu nehmen, aber das hätte dann meiner Ansicht nach zu gewollt gewirkt. Es geht in dem Song darum, dass ich dachte, ich sei jetzt erwachsen, am Beginn eines neuen Lebensabschnitts – und dann läuft doch wieder alles nicht so wie geplant.

Stehst du jetzt mit Anfang 40 ungefähr dort, wo du dich mit 20 heute gewähnt hast?
Nein, aber das ist wohl normal. Mit 20 hat man eine ganz abstrakte Vorstellung vom Älterwerden. Mit 18 dachte ich, 30 sei mega-alt. Und dann ist man plötzlich 40 und denkt: Mit 30 war ich ja noch fast jugendlich. Mit 20 war ich noch voll auf Rapmusik konzentriert, das war mein Lebensinhalt, aber ich war auch verzweifelt, weil ich kein Abi geschafft hatte und nicht wusste, was beruflich aus mir werden soll. Mit 24 kam ich auf die Otto-Falckenberg-Schauspielschule, war dann lange hin- und hergerissen, bis ich mit Ende 20 beschloss: Ich mache einfach beides.

Das Schauspiel ist gerade ein dickeres Standbein. Wie hast du den Erfolg der Netflix-Serie Kacken an der Havel erlebt?
Ich war während der Dreharbeiten fünf Monate Vollzeit-Schauspieler und habe damit mehr verdient als mit der Musik. Schauspieler ist allerdings auch ein harter Beruf. Ein Beruf, in dem wahnsinnig viele verzweifeln und – oft vergeblich auf den Anruf warten. Mich davon abhängig zu machen, war für mich nie eine Option. Deshalb war und bin ich immer froh, die Musik als zweites Standbein zu haben.

Wird die Serie fortgesetzt?
Offiziell weiß ich nichts, aber ich würde mich freuen, wenn es weitergeht.

Im Song Geld ist geil willst du den Superreichen an ihr Vermögen. Eine entsprechende Steuer kommt aber wohl weiterhin nicht. Bist du enttäuscht von der Politik?
Ich bin natürlich kein Realpolitiker. Das Schöne als Künstler ist ja, dass man Forderungen einfach raushauen kann, ohne den konkreten Plan zu haben. Unter Friedrich Merz wird da sicher nichts draus. Aber es gab die Vermögensteuer ja lange in Deutschland, sogar noch unter Helmut Kohl. Und es stimmt einfach nicht, dass alle sofort abwandern würden, wenn sie zurückkäme, das zeigen Studien. Was mich an dem Thema fasziniert: Die meisten sehr reichen deutschen Dynastien haben wahnsinnig vom Naziregime profitiert, und danach ist praktisch nichts passiert – trotz der viel gerühmten deutschen Erinnerungskultur. Das finde ich absurd.

Auch Liebeskummer ist ein zentrales Thema des Albums.
Ja, leider mit starker autobiografischer Note. Ich finde ja, Liebeskummer ist gesellschaftlich unterschätzt. Man redet viel über Mental Health und Depressionen, aber Liebeskummer wird kaum ernst genommen, dabei hat mir sogar ein Allgemeinmediziner gesagt, das sei fast wie eine schwere Krankheit. Er wollte mir Antidepressiva verschreiben und hat mir gesagt, ich solle mich zwingen, jeden Tag spazieren zu gehen.

Hat beides geholfen?
Die Pillen habe ich nicht genommen, aber die Spaziergänge haben mir gutgetan. Und ich habe angefangen, sehr exzessiv Kraftsport zu machen – vier-, manchmal fünfmal die Woche. Das hilft mental in vielen Bereichen. Und körperlich sowieso. Nach dem Dreh von Kacken an der Havel war ich gewichtsmäßig ziemlich weit oben. Danach habe ich einiges an meiner Ernährung geändert, Muskeln aufgebaut und wieder abgenommen. Im Moment fühle ich mich körperlich ziemlich gut.

Wann werd ich endlich ausgetauscht? ist ein Song über Künstliche Intelligenz, der ziemlich zynisch wirkt. Hältst du nicht viel von den Entwicklungen rund um KI?
In dem Stück steckt viel Schmerz aus dieser Lebensphase drin, in der ich unglücklich und unzufrieden bin, das Ganze habe ich dann noch in eine dicke Schicht Sarkasmus gewickelt und bitte darum, endlich von einer KI ersetzt zu werden. In der Realität blicke ich eigentlich sehr pessimistisch und voller Sorge auf KI. Ich würde mir wünschen, dass sie für Forschung und Wissenschaft genutzt wird, gegen Krebs zum Beispiel. Aber auf die Super-KI, die sich Leute wie Elon Musk und Peter Thiel wünschen, würde ich gern verzichten. Mich triggert KI-Musik im Netz total, mich macht das richtig rasend.

Kannst du ein Beispiel nennen?
Neulich hat das Umweltministerium bei Instagram einen KI-Rap-Song über Nachhaltigkeit gepostet, komplett lieblos gemacht. Das macht mich fast existenziell wütend: Wofür man sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, um gut zu werden in etwas, kann jetzt jeder mit einer App einfach abrufen. Ich finde, es ist eigentlich olles Boomer-Genörgel, technikkritisch zu sein, aber was ist denn besser? Das alles zu akzeptieren und zu bejubeln? Linke Technikkritik wird heute nur noch belächelt, dabei sollte es sie viel mehr geben. Aber das Kind ist wohl schon in den Brunnen gefallen, wir sind alle süchtig.

Hältst du es eigentlich für möglich, dass das Drama früher oder später aus deinem Leben verschwindet?
Da mache ich mir keine Sorgen, irgendwas wird schon passieren. Das Drama muss ja nicht mich direkt betreffen, es kann auch im Umfeld sein. Aber falls ich tatsächlich zum Sandmönch werde und im Moment aufgehe, dann ist das auch okay für mich. Oder ich werde halt doch noch Tatort-Kommissar.

Gibt es da entsprechende Anfragen?
Nein, aber das ist seit zehn Jahren ein Running Gag bei mir (lacht). Falls die ARD-Verantwortlichen das hier lesen: Ich stehe bereit.