Die magische Kraft der Natur

„Während meiner Teenagerjahre hatte ich immer Kopfhörer auf und auf all meinen Schulbüchern standen Liedzeilen von Songs, die mich tief in meiner Seele berührten oder deren Bilder ich einfach liebte. Musik war fast wie eine Religion für mich, meine Luft zum Atmen.“
„Ich konnte Emotionen ausdrücken, in eine andere Welt eintauchen … und das Publikum mitnehmen. Es war eine unglaubliche Reise. Eine, die ich nicht hätte planen können, aber für die ich sehr dankbar bin.“
„Die Drehleiern sind großartig – Ritchie schließt sie an Verstärker an und wir spielen sie um Mitternacht, sodass niemand in der Nachbarschaft weiß, was das für ein Geräusch ist oder woher es kommt!“
„Deutschland war immer wie eine zweite Heimat für uns und wir sind dort jedes Jahr auf Tour gewesen. Unsere Musik fand in den Burgen ein perfektes Zuhause und wenn man sieht, wie das Publikum unsere Lieder mitsingt, in historischen Gewändern gekleidet, umgeben von Burgmauern unter dem Mond, während in der Ferne eine Kirchturmglocke schlägt – das war einfach eine magische Atmosphäre.“
TEXT: Chris Wachter & Patric Knittel
CANDICE NIGHT
Sea Glass
(earMUSIC)
Erscheint am 25. April
Candice Night – die musikalische Alchemistin und unverwechselbare Stimme von Blackmore´s Night – meldet sich mit ihrem neuen Soloalbum Sea Glass nach über einem Jahrzehnt zurück. Mit diesen neuen Songs erreicht Candice Night einen weiteren kreativen Höhepunkt ihrer unbändigen Schaffenskraft. Inspiriert von musikalischen Abenteuern und den magischen Momenten des Familienalltags, fängt das Album das Leben ein – wie ein Kaleidoskop aus schimmernden Meerglasfarben, von denen jede ihren eigenen Zauber entfaltet. Mit scheinbarer Leichtigkeit verwebt Candice ihre Einflüsse und Erlebnisse zu einer Musik, die zugleich modern und zeitlos klingt. „Im Leben durchlaufen wir unzählige Phasen, wir brechen und zersplittern. Unsere Teile werden von den Kräften um uns herum geformt und geglättet. Einige Teile gehen verloren, aber die meisten kommen verändert und gezeichnet zurück und werden zu wertvollen Schätzen, die uns ausmachen.“ Die Werdegang der gebürtigen US- Amerikanerin und natürlich ihr neues Soloalbum, sind Dreh- und Angelpunkte des folgenden ausführlichen Interviews.
Ihr letzter Longplayer Starlight Starbright wurde vor 10 Jahren veröffentlicht. Warum gab es eine so lange Pause zwischen Ihrem zweiten und dritten Soloalbum?
Es gibt eigentlich keinen bestimmten Grund, außer dass das Leben einem oft dazwischenkommt, wenn man sich Zeit für das Studio nehmen möchte. Seit der Veröffentlichung meines letzten Albums ist viel passiert: Meine Kinder sind zu Teenagern herangewachsen, Covid hat die Welt lahmgelegt – wir haben viel verloren und mussten heilen. Wir hatten schmerzhafte und freudige Momente ... Mein letztes Album Starlight Starbright wurde von meinen damals noch sehr kleinen Kindern inspiriert. Ich wollte, dass sie jeden Abend Schlaflieder hören – eine schöne, beruhigende Art, um sie ins Traumland zu begleiten. Sie sind auch auf dem Cover des Albums und in den Videos zu sehen. Jetzt sind sie beide größer als ich und ich bin die Kleinste im Haus! Auch das Song-Schreiben und Aufnehmen für Blackmore's Night sowie einige Tourneen haben mich beschäftigt. Die Zeit dreht sich einfach unglaublich schnell weiter, wenn man so viele verschiedene Dinge zu tun hat. Ehe man sich versieht, sind 10 Jahre vergangen.
Inwieweit ist für Sie die Musik als Solistin eine sehr persönliche Ausdrucksweise? Haben Sie es bei der Entstehung von Sea Glass genossen, das Renaissance-/Folk-Musik-Korsett von Blackmore's Night abzulegen?
Meine Songs sind sehr persönlich. Ich bin beim Schreiben extrem verletzlich. Es ist ein ganz anderer Prozess als das Songwriting für Blackmore's Night. Jeder dieser Songs ist wie ein Tagebucheintrag, es sei denn, es handelt sich um Erzählungslieder wie Angel And Jezebel. Die Worte und Melodien kommen mir gleichzeitig in den Sinn und berühren mich immer noch tief, egal ob ich sie singe oder später wieder anhöre. Der Renaissance-Folk-Stil von Blackmore's Night ist immer noch ein Teil von mir, aber Ritchie schreibt und arrangiert den Großteil der Musik für die Band, während ich die Texte dazu schreibe – das ist meine Flucht aus der Realität. Die Songs, die ich für mein Soloprojekt schreibe, spiegeln jedoch meine echten Erfahrungen wider. Manchmal sogar zu sehr.
Welche musikalischen Wurzeln kommen bei den Eigenkompositionen zum Tragen? In Angel And Jezebel kann man beispielsweise deutliche US-Country-Rock-Einflüsse hören …
Ja, ich liebe Country-Musik und das schon seit sehr langer Zeit. Ich bewundere die Fähigkeit dieser Musiker, Geschichten durch Songs zu erzählen – und die musikalische Qualität ist einfach atemberaubend
Wo wurde Sea Glass aufgenommen und wer war an den Aufnahmen beteiligt?
Das Album wurde über mehrere Jahre hinweg aufgenommen, mal ein Song hier, mal einer dort – wann immer ich Zeit dafür fand. Einige Songs habe ich hier in unserem Heimstudio im Minstrel Hall mit Pat Regan als Produzenten aufgenommen. Andere Songs wurden in einem anderen Studio weiterbearbeitet. Ein gutes Beispiel dafür ist Sea Glass. Ich hatte den Song bereits auf dem Klavier geschrieben, die Arrangements und Texte waren fertig. Während wir an einem neuen Blackmore's-Night-Album arbeiteten, hatte ich vor den regulären Sessions Zeit von 13 bis 15 Uhr, um an meinen eigenen Songs zu arbeiten. Ritchie kam ins Studio, und ich bat ihn, die Gitarre für Sea Glass einzuspielen, um den Song zu strukturieren. Nachdem ich mit Pat daran gearbeitet hatte, wollte ich noch mehr Elemente hinzufügen. Also schickte ich die Dateien an Brendan Kennan im Cove City Sound Studio, buchte Studiozeit mit ihm, und wir vollendeten den Song so, wie ich ihn in meinem Kopf hörte. Einige Songs haben Brendan und ich komplett allein aufgenommen. Ich schickte ihm meine Ideen, eingespielt auf dem Klavier und den Gesang auf meinem Handy aufgenommen, zusammen mit den Texten und erklärte ihm, wie es klingen soll. Als ich dann ins Studio kam, arbeiteten wir zusammen daran, die Songs genau so umzusetzen, wie ich sie mir vorstellte.
Haben Sie alle zehn Songs auf Sea Glass selbst geschrieben?
Die einzigen Songs, die ich nicht selbst geschrieben habe, sind die Musik zu When I Want To Flyund Nature Boy. Nature Boy ist ein Klassiker, den ich zuerst von Nat King Cole gehört habe. Es war eines der Lieblingslieder meines Vaters, und ich habe es für ihn aufgenommen, als er sehr krank war. Ebenso Crazy von Patsy Cline, das ich aber nicht auf dieses Album genommen habe. Es war ein persönliches Geschenk an ihn und es brauchte viel Überzeugungsarbeit, bis ich bereit war, es mit der Welt zu teilen.
Angel And Jezebel gibt es sowohl in einer „Rock-Version“ als auch in einer „Back-Porch-Version“. Wollten Sie damit einfach zeigen, dass dieser Song unter ganz unterschiedlichen Aspekten funktioniert?
Eigentlich begann der Song als Americana/Country-Stück. Die „Back-Porch-Version" war die Originalversion, die ich zuerst gemacht habe. Doch als ich die gesamte Tracklist des Albums betrachtete, fiel mir auf, dass die meisten Songs eine sehr entspannte Atmosphäre haben. Da dachte ich, es wäre spannend, von Angel And Jezebel eine kantigere, energiegeladenere Interpretation einzuspielen. Die neue Fassung gefiel mir dann so gut, dass ich mich nicht entscheiden konnte, welche Version ich verwenden sollte! Also habe ich einfach beide mit auf das Album genommen – was ja auch gut zum Thema des Songs passt, in dem es um eine schwierige Entscheidung geht.
Gab es Gastmusiker auf Ihrem neuen Album?
Ja, natürlich! Ritchie hat einige Gitarrenparts beigesteuert. Ich liebe es, wenn er das für mich tut, aber ehrlich gesagt frage ich ihn nicht oft, es sei denn, ich brauche es wirklich. Seine Sicht auf Musik unterscheidet sich stark von meiner, und er kann nicht immer hören, was mir für meine Solosongs vorschwebt. Es sind Lieder, die wir nicht für Blackmore's Night verwenden würden. Wenn er sich einbringt, hat er oft starke Meinungen darüber, in welche Richtung ein Song gehen sollte. Aber bei meinen eigenen Songs möchte ich meine Vision vollständig umsetzen, ohne von anderen beeinflusst zu werden, es sei denn, ich suche gezielt nach Rat. Diese Songs hatten starke Persönlichkeiten, die mir genau sagten, wie sie klingen wollten. Neben Ritchie spielte auch Claire Smith Geige/Fiedel, Brendan Keenan war an Gitarre, Keyboards, Bass und Synthesizern beteiligt und Pat Regan spielte Keyboards und Synthesizer. Ich selbst spielte Tamburin, und mit Carole Stevens habe ich Handklatsch-Rhythmen aufgenommen. Außerdem haben meine Kinder – Autumn und Rory – in Promise Me gesungen.
Das Meer hat im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Dichter, Musiker und Künstler inspiriert ... Seine ambivalente Natur erinnert sehr an das Leben selbst: Einerseits kann es friedlich und wunderschön sein, andererseits kann es launisch, wild, ungestüm und tödlich sein. War dies ebenfalls eine Idee hinter dem Albumtitel?
Die Natur an sich ist immer eine magische Kraft, die mich mit ihrem Mysterium fesselt und völlig in Erstaunen versetzt. Die Tatsache, dass das Gleichgewicht zwischen den Elementen erhalten bleiben muss, da sonst eine Art Zerstörung erfolgt, fasziniert mich. Ich lasse mich immer von der Natur inspirieren und fühle mich sehr gesegnet, in einer Umgebung zu leben, die direkt am Wasser liegt und gleichzeitig einen Wald neben unserem Haus hat. Ich bekomme das Beste aus beiden Welten. Aber da ich auf einer Insel geboren wurde, gibt es etwas an dem Geruch des Ozeans, dem Rauschen der Wellen und dem Sprühnebel des Salzwassers, das sich einfach wie Heimat für mich anfühlt. In all ihrer Schönheit – sei es in ruhigem oder tobendem Zustand – fließt das Meer durch meine Adern.
Gibt es ein übergeordnetes lyrisches Konzept für Ihr neues Album oder erzählt jeder Song eine andere Geschichte?
Wie bei all meinen Alben fühlt sich jeder Song sehr individuell an – es ist wie eine Momentaufnahme der Zeit. Ich kann sie mir anhören und sofort wieder tief in das Gefühl eintauchen, was ich in dem Moment empfand, als ich sie schrieb. Ihre Persönlichkeiten sind stark und sehr unterschiedlich voneinander.
Woher nehmen Sie Ihre Inspiration beim Schreiben von Liedtexten?
Ich werde immer von der Natur inspiriert, und ich würde sagen, dass fast jeder Song, den ich schreibe, irgendein Element der Natur in den Texten enthält. Egal, ob ich solo oder für Blackmore's Night schreibe. Wenn ich jemals mit den Texten feststecke, gehe ich einfach an den Strand oder in den Wald, ziehe meine Schuhe aus und spüre das Gras unter meinen Füßen, beobachte einen Sonnenuntergang, den fallenden Schnee, die sich verfärbenden Blätter oder eine Sternschnuppe. Es gibt einfach unendlich viele Inspirationsquellen. Selbst wenn das nicht das Hauptthema des Songs ist, ist es oft der inspirierende Ausgangspunkt oder der Abschluss. Ich liebe auch Legenden, Mythen und Märchen aus verschiedenen Regionen – aber wenn ich über Fabeln schreibe, finde ich oft Parallelen zum Leben, sodass es nicht nur eine fremde Geschichte über jemand anderen ist, mit der sich niemand identifizieren kann. Ich liebe das Handwerk des Schreibens. Das Zusammensetzen von Puzzleteilen aus Worten, Musik und Bildern auf eine Weise, die Menschen auf einer tiefen Ebene anspricht. Ich möchte, dass die Menschen nicht nur die Worte hören, sondern sich in der Geschichte wiedererkennen oder sich im Song verlieren. Dass sie sehen, was ich sehe, fühlen, was ich fühle – ihre Sinne nutzen, um es auf einer tieferen Ebene zu schätzen. Liebe und persönliche Erfahrungen machen ebenfalls einen großen Teil dessen aus, worüber ich schreibe. Verlorene, ersehnte, gefundene, ewige Liebe. Mir geht die Inspiration fast nie aus.
Lassen Sie uns einen Blick auf Ihre Karriere als Musikerin werfen. Sie haben bereits in jungen Jahren Klavier gelernt. Ich nehme an, Sie sind in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen, oder?
Meine Mutter spielte klassisches Klavier und sang. Sie liebte es, Musicals und Doo-Wop-Musik zu hören. Mein Vater spielte ebenfalls Klavier, sang oft mit meiner Mutter zu Hause und hörte hauptsächlich Big-Band-Musik, wie Benny Goodman oder Artie Shaw. Mein Bruder spielte Saxophon und meine Schwester Klarinette, allerdings nur in der Schule. Mein Großvater spielte Geige. Ich wurde am Klavier ausgebildet, aber Musik war für mich eine große Flucht vor Stress oder Druck im Leben. Während meiner Teenagerjahre hatte ich immer Kopfhörer auf und auf all meinen Schulbüchern standen Liedzeilen von Songs, die mich tief in meiner Seele berührten oder deren Bilder ich einfach liebte. Musik war fast wie eine Religion für mich, meine Luft zum Atmen. Ich dachte nicht daran, in einer Band zu spielen, aber ich wusste, dass Musik ein Teil meiner beruflichen Laufbahn sein muss. Die Renaissance- und Mittelalter-Holzblasinstrumente habe ich erst 2001 für das Album Fires At Midnight aufgegriffen. Heute spiele ich Krummhörner, Pennywhistles, Schalmeien, Blockflöten, Rauschpfeifen ... eine ganze Welt von Instrumenten, wenn wir mit Blackmore’s Night spielen.
In Ihrer Biografie steht, dass Sie in jungen Jahren auch als Model gearbeitet haben. Wann haben Sie sich entschieden, eine Karriere in der Musik anstelle des Modelns zu wählen und was waren die Gründe für diese Entscheidung?
Ich habe viele Jahre gemodelt, bis ich begann, mit Rainbow zu arbeiten. Danach folgten Tourneen, Songwriting und schließlich Blackmore’s Night – und das war ein wahrer Wirbelsturm. Schreiben, aufnehmen, touren und das Ganze wieder und wieder. Und ich liebte es! Die Modewelt war nichts für mich. Wenn man als Frau nicht mit enormer Körpergröße gesegnet ist, werden einem ganz andere Jobs angeboten, als ich erwartet hatte. Ich hatte nicht die typischen Modelmaße für Magazine und bekam daher viele Anfragen für Dessous- und Badeanzug-Shootings, was mir nicht behagte. Ich machte einige Print-Kampagnen, dazu Messen und ein wenig Parts-Modelling für Haarmagazine – eine Werbung hier und da. Aber meistens waren es Fotografen, die Annäherungsversuche machten oder versuchten, einen zu etwas zu bewegen, womit man sich nicht wohlfühlte. Für manche mag das in Ordnung sein, aber für mich war es das nicht. Glücklicherweise wurde ich gefragt, ob ich Texte für Rainbow schreiben und singen wollte, nachdem ich 1993 auf der Deep-Purple-Tour zu Ritchies Difficult To Cure-Solo gesungen hatte. In diesem Moment fand ich mich selbst – in der Fähigkeit, Texte zu schreiben und zu singen. Ich konnte Emotionen ausdrücken, in eine andere Welt eintauchen … und das Publikum mitnehmen. Es war eine unglaubliche Reise. Eine, die ich nicht hätte planen können, aber für die ich sehr dankbar bin.
Ich nehme an, dass Ihre Begegnung mit Ritchie im Jahr 1989 Ihr Leben verändert hat. Im Jahr danach wurden Sie die Sängerin, die Sie heute sind.
Absolut. Wir trafen uns am Rand eines Football-Feldes. Ich bat um ein Autogramm – ich war nur dort, um mein Team anzufeuern, das gegen das Team von Deep Purple spielte. Doch er schickte seinen Roadie durch die Menge, um mich zu bitten, ihn später in einem Pub zu treffen und wir redeten schließlich die ganze Nacht. Wir hatten so viele tiefe und interessante Gespräche – er war wie niemand, den ich je zuvor getroffen hatte. Wir blieben in Kontakt und waren zunächst Freunde, bevor sich eine romantische Beziehung entwickelte. Von da an waren wir wohl unzertrennlich. Er wollte mich auf Tour, im Studio, einfach überall dabei haben. Als er Rainbow reformierte und Probleme hatte, Songtexte zu schreiben, spielte er mir die Instrumentalversion eines Songs vor. Ich war auf dem Weg zum Studio, wo die Band wohnte, und musste eine Fähre nehmen. Während der 75-minütigen Fahrt schrieb ich etwa 14 Verse. Danke erneut an die Inspiration durch das Meer! Als ich ankam, nahmen sie vier der Verse, kombinierten zwei weitere für den Refrain – und so entstand Black Masquerade. Ich durfte vier Songs auf dem Stranger In Us All-Album mitschreiben, darunter auch den Titel des Albums, der aus einer meiner Liedzeilen stammt. Das Album erreichte Platz 7 in Japan, wurde mit Gold ausgezeichnet und chartete weltweit. Das was sehr aufregend! Aber in den 90ern war die Musikwelt ganz anders als in den 60ern und 70ern, und die Anforderungen der Plattenfirma nahmen Ritchie den Spaß an der Musik. Also schrieben wir zunächst nur für uns. Doch die Plattenfirma, die unsere Songs hörte, liebte sie und wollte sie veröffentlichen. Das war 1997 – und seitdem läuft unsere Reise weiter.
Wie haben Sie gemeinsam mit Ritchie den Weg zur Renaissance-/Mittelalter-/Folk-Musik gefunden, als Sie Blackmore’s Night gründeten? Waren Sie schon immer an dieser Musik interessiert oder hat sich diese Leidenschaft nach und nach entwickelt?
Ich kannte Renaissance-Musik kaum, außer Greensleeves, das ich gerne auf dem Klavier spielte. Erst als ich Ritchie traf, lernte ich sie wirklich kennen, da er ausschließlich puristische Renaissance-Musik hörte. Durch seine musikalischen Vorlieben entdeckte ich unglaubliche Bands und die Musik vergangener Epochen. Des Geyers schwarzer Haufen, Gothian, Krless, Terra Nova Consort, Piffaro … alles fantastische Musiker, die mich in eine mir zuvor unbekannte Musikwelt eintauchen ließen. Als ich 1991 in Ritchies Haus in Connecticut zog – ein großes Fachwerkhaus im Wald mit einer Minstrels-Galerie – spielte diese Musik über die Lautsprecheranlage. Ich erinnere mich, wie ich den Schnee fallen sah und die Rehe auf der Wiese beobachtete und dachte, dass dies die perfekte Verbindung zwischen Klang und Natur war. Es machte einfach Sinn. Jedes Mal, wenn wir tourten, warteten Fans am Bühneneingang mit Kassetten oder CDs ihrer regionalen Volksmusik und so entdeckten wir noch viel mehr – von Wikingermusik bis hin zu Balkanmusik. Musikalisch haben wir aus diesen Inspirationen so viele Lieder gewonnen.
Welches ist Ihr persönliches Lieblingsalbum von Blackmore’s Night und warum?
Das ist wirklich schwer zu sagen. Es ist, als müsste ich mein Lieblingskind auswählen. Es gibt Songs, auf die ich besonders stolz bin, meist die erzählenden Lieder wie The Last Leaf, The Hanging Tree oder Windmills. Aber wenn ich sehe, wie die Leute zu Home Again oder Dandelion Wine mitsingen und Spaß haben, liebe ich das. Und natürlich haben Songs wie Ghost Of A Rose, The Circle oder Village Lanterne eine unglaubliche Energie. Es sind Jahrzehnte an Musik, die aus unseren Seelen auf sehr persönlichen Reisen entstanden sind … Es ist unmöglich, nur ein Album auszuwählen.
Sie haben die Musik von Blackmore’s Night nicht nur mit Ihrer Stimme bereichert, sondern im Laufe der Jahre auch alte Instrumente wie die Drehleier, verschiedene Pfeifen, die Schalmei, das Krummhorn usw. gespielt. Ist es Ihre Leidenschaft, weiterhin diese exotischen Instrumente zu erforschen und sie in Ihre Musik zu integrieren?
Es entstand aus der Notwendigkeit heraus. Früher haben wir Musiker engagiert, um diese Instrumente für das Album zu spielen, wenn wir diesen Klang benötigten. Wenn wir Lieder aus dem 12. bis 15. Jahrhundert aufnehmen, ist es uns wichtig, den Geist des Songs zu bewahren, indem wir auch Originalinstrumente aus dieser Zeit verwenden. Ritchie sammelte diese Instrumente und hängte sie an die Wand, aber als wir beschlossen, dass wir diese Klänge und Texturen wirklich brauchten, nahm ich sie herunter und begann, sie zu spielen. Sicherlich benutze ich die falschen Blätter oder die falsche Fingertechnik, da ich sie mir selbst beibringe, aber wir bekommen die Skalen und Klänge heraus, die wir für unsere Songs benötigen. Die Drehleiern sind großartig – Ritchie schließt sie an Verstärker an und wir spielen sie um Mitternacht, sodass niemand in der Nachbarschaft weiß, was das für ein Geräusch ist oder woher es kommt!
Blackmore’s Night erlangte von Anfang an große Anerkennung sowie kommerziellen Erfolg. Bereits Ihr Debütalbum Shadow Of The Moon schaffte es in die Charts, insbesondere in den deutschsprachigen Ländern. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg? Glauben Sie, dass Blackmore’s Night einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war?
Ich denke, wir haben die alte Musik einfach an den Ort zurückgebracht, aus dem sie stammt. Viele dieser Lieder kommen nicht ursprünglich aus Amerika – unser Land ist zu jung, obwohl wir eine große Vorstellungskraft und fantastische Renaissance-Feste haben. Diese Musik stammt aus Europa, hauptsächlich aus dem germanischen Raum. Vielleicht hat sie in den Erinnerungen der Menschen widergehallt, die sie gehört haben – vielleicht wirkte sie vertraut. Deutschland war immer wie eine zweite Heimat für uns und wir sind dort jedes Jahr auf Tour gewesen, bis Covid alles zum Stillstand brachte. Unsere Musik fand in den Burgen ein perfektes Zuhause und wenn man sieht, wie das Publikum unsere Lieder mitsingt, in historischen Gewändern gekleidet, umgeben von Burgmauern unter dem Mond, während in der Ferne eine Kirchturmglocke schlägt – das war einfach eine magische Atmosphäre. Alles passte so perfekt zusammen. Wenn man eine solche Erinnerung einmal im Leben erfährt, vergisst man sie nie – und wir hatten das Glück, sie bei jeder Show, auf jeder Tour, viele Jahre lang zu erleben.
Inwieweit trägt die Umgebung, der Veranstaltungsort zur Atmosphäre der Musik bei?
Der Ort hat einen enormen Einfluss. Es ist viel einfacher, das Publikum auf eine Reise durch die Jahrhunderte mitzunehmen, wenn man an atmosphärischen und historischen Orten spielt, anstatt in einem Rock-Club. Obwohl Burgen immer unsere Favoriten waren, haben wir auch an anderen beeindruckenden Orten gespielt – UNESCO-Welterbestätten, historische Opernhäuser, Aquädukte oder neu ausgegrabene Amphitheater. Dennoch haben Burgen einen besonderen Platz in unseren Herzen.
Was waren die außergewöhnlichsten und denkwürdigsten Orte, an denen Sie live spielen konnten?
Das ist schwer zu sagen. Ich würde Schloss Waldeck, Schloss Burg, die Salzminen von Wieliczka nahe Krakau, das York Opera House in England, die Kaiserthermen in Trier, Český Krumlov in Tschechien, Loket in Tschechien und Schloss Rabenstein nennen … Ich könnte den ganzen Tag weitermachen! Wir hatten das große Glück, an diesen unglaublichen Orten und vielen weiteren spielen zu dürfen.
Stimmt es, dass Sie früher in Deutschland gelebt haben?
Wir haben so viel Zeit dort verbracht, dass es sich fast so anfühlte, als hätten wir dort gelebt. Aber nein, wir hatten nie einen festen Wohnsitz in Deutschland. Einmal hatten wir jedoch ein gemietetes Haus außerhalb von Nürnberg in einer ländlichen Gegend mit vielen Kühen. Zwischen 1996 und 2019 waren wir jedes Jahr etwa sechs Wochen lang in Deutschland. Wir haben so viele Freunde gefunden und so viele unglaubliche Erlebnisse gehabt. Ritchie kennt Deutschland tatsächlich wie seine Westentasche und ist mit den Burgen dort vertrauter als viele Einheimische. Aber weil wir dort nicht dauerhaft gelebt haben, konnten wir das Land immer wieder mit frischen Augen sehen. So hatten wir stets eine neue Wertschätzung für die kleinen Dinge, die Einheimische vielleicht als selbstverständlich ansehen.
Der Tierschutz liegt Ihnen sehr am Herzen. Mit welchen Projekten engagieren Sie sich für dieses wichtige Thema?
Wir haben über die Jahre mit vielen Tierschutzorganisationen zusammengearbeitet – von „Save The Bats“ in Berlin bis zur Tiertafel, von der WWF-Initiative zur Pflanzung von 6.000 Obstbäumen für Orang-Utans bis hin zu vielen anderen Projekten weltweit. In den USA arbeiten viele prominente Künstler mit großen Tierschutzorganisationen zusammen, daher konzentrieren wir uns auf die kleineren, lokalen Organisationen. Diejenigen, die nicht viel Aufmerksamkeit oder Anerkennung erhalten, aber das ganze Jahr über so hart arbeiten und mit so viel Tierleid konfrontiert werden. Wenn wir zu Hause sind, laden wir lokale Tierheime zu unseren Konzerten ein, um einen Adoptionstag zu veranstalten oder Spenden zu sammeln – sei es Geld, Futter oder andere Hilfsmittel. Wir signieren Gegenstände und versteigern sie, um Spenden zu sammeln. Wir bewerben diese Organisationen auf unseren Social-Media-Plattformen. Die Menschen, die in diesen Tierheimen arbeiten, sind Engel auf Erden, und die Tiere verlangen so wenig, geben aber so viel zurück.
DIE TRACKLIST VON SEA GLASS
Sea Glass
Unsung Hero (She’ll Never Tell)
The Line Between
Angel And Jezebel (Rock Version)
Promise Me
Dark Carnival
The Last Goodbye
When I Want To Fly
Another Day
Nature Boy
Angel And Jezebel (Back Porch Version)